Unsere Gesellschaft wird reicher durch die Vielfalt aller Menschen, die in ihr leben.












































































Ludwig van Beethovens „Pastorale“
Die Entstehung der 6. Sinfonie Beethovens, der Pastorale (1808), fällt in seine „2. Schaffensperiode“ (Wilhelm von Lenz, 1852 „Beethoven. Eine Kunststudie“), in die neben dieser Sinfonie auch die Sinfonien No 2 – 8, „Fidelio“, die Klavierkonzerte No 3 – 5, das Violinkonzert, das Tripelkonzert, Ouvertüren und Kammermusiken eingeordnet werden.
Zeitgleich zu diesen Werken befanden sich weitere Kompositionen in Vorbereitung. Um über diese Vielzahl überhaupt verfügen zu können, nutzte Beethoven Skizzenbücher, später auch Konversationsbücher.
Gehörleiden
Der eigentliche Auslöser für den Einsatz der Skizzenbücher bestand allerdings nicht in seiner reichen Schaffenskraft, sondern in der 1798 erstmals auftretenden Hörbeeinträchtigung, die sich stetig verschlimmerte und Beethoven in eine lebenslange Krise stürzte: als Pianist, im gesellschaftlichen Kontext, vor allem aber im persönlichen Leben.
“… Welche Demütigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte … solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück …“ (Heiligenstädter Testament, 1802). Umso existentieller war für ihn das Komponieren und Schreiben.
Am 22.12.1808 war nun die Uraufführung der 6. Sinfonie im Theater in Wien, aber eben nicht nur von ihr, sondern zusammen mit der 5. Sinfonie, dem 4. Klavierkonzert, 2 Teilen aus der Messe in C-Dur und der Chorfantasie. So dauerte das Konzert vier ganze Stunden – und endete als Misserfolg:
Das Publikum zeigte sich durch die Menge dieser neuen, anspruchsvollen Musik völlig erschöpft – zudem fror es, weil das Theater unbeheizt war.
Dazu kam, dass das Orchester zu wenig geprobt hatte, um den technischen Schwierigkeiten gewachsen sein zu können. Es folgte ein desaströser Einbruch in der Chorfantasie, der Beethoven nötigte, das Stück von vorn zu beginnen.
Letzter Auftritt als Konzertpianist
Beethoven hatte nicht nur das Dirigat der gesamten Uraufführung, sondern auch den Klavier-Solopart übernommen. Leidvoll erfuhr er nun, wie sehr seine Taubheit diese Herausforderung verschärfte; da er kaum noch hören konnte, orientierte er sich an dem, was er sah: Bogen-, Atem-, Körperbewegungen – Versuch einer Zusammenführung der Musik durch das Ablesen der Bewegungen des Orchesters und seines inneren Ohres.
Es war sein letzter Auftritt als Konzertpianist. Umso mehr widmete er sich nun dem, was noch möglich war: seiner genialen Begabung der Improvisation, der Kunst des Komponierens (für die er kein Gehör brauchte), Gespräche mit den wenigen Menschen, denen er noch vertraute und immer häufiger – die Flucht in die Natur, welche ihn stärkte und den Schmerz seiner Vereinsamung linderte.
Zwei polare Gesichter
Beethovens zeitgleich entstandene und so kontroverse Kompositionen wie die 5. und 6. Sinfonie (1807–1808) sind Ausdruck seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Werk Friedrich Schillers („Don Carlos“, „Ode an die Freude“; „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“) und zeigen darin zwei polare Gesichter. Durch sein intellektuelles, soziales Umfeld vertiefte sich sein Interesse an philosophisch-politischen Fragen wie der Vereinbarkeit von Macht und Moral (Napoleon), bürgerlicher Unabhängigkeit von feudaler Macht und später der allumfassende Appell an eine Völkerverständigung als Grundlage für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (Sinfonien 3, 5, 7, 9).
Sir J. E. Gardiner, britischer Dirigent, argumentiert, dass der Musik dieser Sinfonien selbst eine den Idealen der Französischen Revolution entsprechende nach außen gerichtete kämpferische Botschaft inhärent sei und verweist auf deren musikalische Verarbeitung in den einzelnen Sätzen (Gardiner, Beethoven-Zyklus).
Ganz anders die 6. Sinfonie, die Pastorale: sie beschreibt unter der scheinbar gefälligen Oberfläche von Naturbildern Beethovens tiefen Schmerz, Verzweiflung, Sehnsucht, aber eben auch die Möglichkeit innerer Versöhnung durch das/sein Leben selbst… in der Musik, Literatur, Philosophie.
Unsere eigenen Bilder
Da Beethoven der musikalischen Darstellung außermusikalischer Inhalte („Programmmusik“) äußerst kritisch gegenüberstand und zudem befürchtete, sein Werk könnte vom Publikum und Kritikern missverstanden werden, bestand er auf wortgetreuer Wiedergabe des sorgfältig gewählten Titels auf der Partitur „Sinfonia caracteristica – Erinnerung an das Landleben“ und fügte dieser Bezeichnung den vielzitierten Satz hinzu „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerey“; denn „wer auch nur je eine Idee vom Landleben erhalten, kann sich ohne Überschriften selbst denken, was der Autor [will]“. Am besten „… man überlasse es dem Zuhörer selbst, die Situationen auszufinden“ (R. Ulm, „Die neun Sinfonien Beethovens“). Diese Empfehlung möchten wir nun aufgreifen und Ihnen ans Herz legen:
Genießen Sie die Möglichkeit eines anderen, unvertrauten Kennenlernens von Beethovens Pastorale, entdecken Sie dabei Ihre eigenen Bilder, kommen Sie neu an!
(CJP)
InkluVision
Ideen verbinden.
Gemeinsames entsteht.
InkluVision e.V.
Im Wehrfeld 15
30989 Gehrden
kontakt@inkluvision.de