Unsere Gesellschaft wird reicher durch die Vielfalt aller Menschen, die in ihr leben.












































































Fragen an die drei Ensemble-Leitungen des „Ankommen“- Projektes
Martin Lill (Hannoversche Orchestervereinigung)
Was reizt Dich an diesem Format eines inklusiven Konzertprojektes?
Was mich am meisten reizt, abgesehen davon, dass jede Aufführung der „Pastorale“ ein großes Vergnügen und Erlebnis bedeutet, sind die neue Perspektive und der Umgang mit einem Werk, das mich seit 4 Jahrzehnten beschäftigt. Ich freue mich darauf, die Sichtweise, den Umgang und die Inspiration durch Gruppen anderer künstlerischer Sparten mit ihren eigenen, unsere kontrastierenden Möglichkeiten erleben zu dürfen. Mich interessiert, wie die Gruppen neben uns vorbereitet oder spontan Zugang, Energie und Ausdruck zu der Sinfonie finden und für das Publikum und uns MusikerInnen sicht– und hörbar machen. Es ist eine Definition eines Meisterwerkes, wenn es durch seine Aufführung immer wieder Raum gibt, Perspektiven weist und Rahmen zu geben und zu sprengen vermag. Damit wird Neues, Unerhörtes und Ungesehen möglich! Genau das wird hier passieren!
Bezogen auf Deine musikalische Biographie bist Du als Hochschullehrer und Dirigent ein klassischer Musiker. Mit welchen Erwartungen/Befürchtungen gehst Du nun auf dieses Konzert zu, das doch sehr unkonventionell mit dem Originaltext umgeht?
Ich gehe ohne Befürchtungen in dieses Projekt. Erwartungen habe ich viele! Zuerst und naheliegend als Dirigent freue ich mich auf die „Pastorale“ mit ihrer Farbigkeit, Gefühlstiefe und Plastizität! Sie allein garantiert ein außergewöhnliches Konzerterlebnis!
Mit Spannung erwarte ich außerdem zu erleben, was mit der Musik, was mit dem zeitlichen Ablauf und was mit der individuellen Aussage des Werkes geschehen wird. Die Verbindung der formalen und musikalisch absoluten Aussage Beethovens über eine „Ankunft“ und eine Zeit in der Natur mit ausgewählter Lyrik, Tanz und Improvisation bedeuten spannende Begegnungen. Die „Ankunft“ in Frage zu stellen, zu relativieren und in persönlichen und politischen Kontext zu stellen, wird ganz sicher komplexe Gedanken und Gefühle im Publikum erzeugen. Das kann nicht profan oder „einfach“ sein.
Welche Chance siehst für Du für Dich, für alle Mitwirkenden, für das Publikum, sich in ein derartiges Experiment hineinzuwagen?
Die Chance liegt in dem Zusammenhang, der durch Musik, Lyrik, Tanz und Improvisation entsteht. Das Publikum verknüpft innerhalb seiner Erlebniswelt Wort, Bewegung und Klang zu neuen Gedanken, stellt persönliche, individuelle Verbindungen her und ist inspiriert zu kritischem Betrachten unserer Umgebung, unserer Hörgewohnheiten und unserer aktuellen politischen und künstlerischen Welt. So hat man die „Pastorale“ von Beethoven ganz sicher noch nie gehört! Was für eine Chance!
Edvin Revazov, Isabelle Rohlfs (Hamburger Kammerballett)
Auf meine Anfrage an Euch, bei diesem Projekt „Ankommen“ mitzuwirken, habt Ihr sofort positiv reagiert. Was führte zu dieser schnellen Antwort? Welche Aspekte interessier(t)en Euch an diesem Thema?
Für uns war sofort klar, dass wir Teil dieses Projekts sein möchten, weil das Thema ANKOMMEN eng mit der Entstehungsgeschichte unseres Hamburger Kammerballetts verbunden ist.
Das Hamburger Kammerballett wurde 2022 gegründet, um ukrainischen Tänzer:innen, die durch den Krieg ihr Zuhause verlassen mussten, in Hamburg eine neue künstlerische Heimat zu geben. Seitdem begleiten Fragen des Ankommens unser Ensemble jeden Tag: das Ankommen in einer neuen Stadt, in einem neuen Alltag, in einer neuen Sprache – kurz gesagt: in einem völlig neuen Leben. Gleichzeitig bleibt die Verbundenheit mit der eigenen Heimat ein fester Teil. Gerade deshalb hat uns dieses Projekt sofort angesprochen. Es zeigt, dass Ankommen nicht bedeutet, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sondern einen Ort zu finden, an dem Erinnerungen, Hoffnung und neue Begegnungen nebeneinander bestehen können. Dass wir diese Gedanken gemeinsam in einem inklusiven Konzertprojekt und durch die universelle Sprache des Tanzes ausdrücken dürfen, macht dieses Projekt für uns besonders wertvoll.
Es gibt die „Pastorale“ als Basisstück. Wie entsteht daraus eine Choreographie, wie entwickelt sich eine Erzählung?
Am Anfang steht die Musik. Sie gibt den emotionalen Raum vor, in dem sich eine Choreographie entwickelt. Beethovens Pastorale erzählt keine konkrete Geschichte, sondern eröffnet Bilder, Stimmungen und Gefühle, also sehr viel Raum für eigene Assoziationen.
Ausgehend vom Thema ANKOMMEN fragen wir uns, welche Erfahrungen und Emotionen damit verbunden sind – Hoffnung, Unsicherheit, Neugier, Verlust, Begegnung und das Gefühl, langsam einen neuen Platz zu finden. Diese Gedanken übersetze ich gemeinsam mit den Tänzer:innen in Bewegung. Dabei ist der Austausch mit dem Ensemble sehr wichtig, denn jede und jeder bringt eigene Erfahrungen und Perspektiven mit ein. So entwickelt sich nach und nach eine choreographische Erzählung, die nicht alles erklärt, sondern dem Publikum Raum lässt, ihre eigenen Geschichten und Gefühle in den Bewegungen wiederzufinden.
Eurem hochprofessionellem Ensemble stehen Mitwirkende mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Voraussetzungen gegenüber. Gemeinsam werdet Ihr die „Pastorale“ mit dem komplexen Thema des Ankommens erarbeiten. Wie kann daraus ein rundes, berührendes Ganzes werden?
Für uns stehen in dem Projekt nicht die unterschiedlichen Voraussetzungen im Vordergrund, sondern die individuellen Stärken und Ausdrucksmöglichkeiten jedes Einzelnen. Natürlich bringt unser Ensemble eine professionelle tänzerische Ausbildung mit. Gleichzeitig können sehr berührende Momente entstehen, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam etwas erschaffen. Besonders spannend finden wir die Begegnung der verschiedenen künstlerischen Welten: Unser Hamburger Kammerballett, die Hannoversche Orchestervereinigung und das inklusive BlueScreen Ensemble bringen jeweils ihre eigene Ausdrucksform und Perspektive ein. Im gemeinsamen künstlerischen Prozess entsteht daraus etwas Neues, was keine der beteiligten Gruppen allein schaffen würde. Das finden wir sehr spannend und freuen uns jetzt schon, das Endergebnis auf der Bühne zu sehen.
Jochen Fried (BlueScreen, Oldenburg)
Welches sind Deine Gründe, Dich auf dieses Format einzulassen, das mit so viel Unvertrautem aufwartet: klassische Sinfonie, klassisches Sinfonieorchester, hochprofessionelles Kammerballett und Kirche als Spielort?
Das wird auf vielen Ebenen ein großartiges Abenteuer. Ich und das gesamte BlueScreen Ensemble freut sich sehr auf die vielen neuen Erfahrungen und Begegnungen mit allen Beteiligten und diesem tollen Auftrittsort. Es ist schon eine Herausforderung, sich mit dem klassischen Stoff auseinanderzusetzen und in unserer Weise zu interpretieren, da wir sonst ganz frei arbeiten. Aber wir freuen uns auch darauf, dieses Setting mit unserer experimentellen Musik zu bereichern und unsere inklusive Kunst an Orte zu bringen, an denen sonst eher Hochkultur zu Hause ist.
Was interessiert Dich am meisten an diesem interdisziplinären Projekt?
Vieles an diesem Projekt ist für uns sehr spannend. Wir haben noch nie mit einem so großen klassischen Ensemble gespielt. Wenn wir mit klassisch ausgebildeten Musikerinnen gespielt haben, dann doch eher im Bereich der neuen Musik. Außerdem haben wir noch nie eine Sinfonie mit unseren Mitteln interpretiert. Ich bin sehr gespannt wie das BlueScreen Ensembles dieses besondere Abenteuer meistert, und wie die Begegnung mit dem Sinfonieorchester und dem Kammerballett sein wird. Wir sind ein experimentell arbeitendes und improvisierendes Ensemble. Die Spannung zwischen Komposition und interpretierender Improvisation wird ein besonders interessanter Aspekt dieser Zusammenarbeit sein.
„BlueScreen“ – was bedeutet dieser Name? Worauf verweist er?
Der Bluescreen ist/war beim Film der Hintergrund vor dem die Schauspieler spielen, um dann einen Film dahinter zu legen (heute eher Greenscreen). So ähnlich ist es mit der Musik von BlueScreen: sie ist der Soundtrack, auf dem der innere Film der Zuhörer*innen abläuft.
Das „Blue“ verweist auch auf die Blaue Kunst und die Blaue Bewegung, die ihren Ursprung in Italien und der Auflösung der dortigen Psychiatrien hat. Und das „Blue“ steht für die „Blaue Musik“, die Form zusammen zu musizieren, die ich in der Zusammenarbeit mit BlueScreen entwickelt habe.
Die Fragen in den Interviews stellte Christiane Joost-Plate.
InkluVision
Ideen verbinden.
Gemeinsames entsteht.
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